Brechtfestival Augsburg: Egoismus vs. Gemeinschaftssinn im City Club

Vier junge Menschen in schwarzer Armeemontur und zwischen Ihnen ein glühender Scheinwerfer, mit dem sie ins Publikum zielen. Das Kostüm der jungen Darsteller erinnert an eine Mischung aus Tribute von Panem, Star Wars und grausiger Kriegsrealität. Oberhalb des City Clubs, auf der Probebühne des theter Ensembles, trifft sich das A-YOU! mit den Schauspielern, um mit ihnen über die Inszenierung Fatzernation - nach dem Fragment "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" von Bertolt Brecht zu sprechen.

In Kooperation mit dem diesjährigen Brechtfestival und mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, feiert das vierköpfige Ensemble - Jonas Graber, Larissa Pfau, Lieselotte Fischer und Sabah Zora - unter Leitung des Regisseurs Leif Eric Young am 28. Februar mit "Fatzernation" Premiere im Technoclub am Augsburger Königsplatz. Das unfertige Stück von Bertolt Brecht, das er nur fragmentarisch zwischen 1926 und 1931 konstruierte, wurde in der Fassung von Heiner Müller von der Dramaturgin Eva Ries überarbeitet, versucht spielbar zu machen und noch mit anderen, modernen Texten versehen. "Es gibt keine klare Struktur und wir haben versucht den Textbrocken durchzuwühlen, immer mit der Frage im Hinterkopf was das Stück aussagt und was es denn überhaupt will", sagt Regisseur Leif Young über die textliche Vorarbeit. "Brecht wirkt manchmal hölzern, ist aber hochaktuell und der Fatzer ist ein Werk von immenser gesellschaftlicher und politischer Relevanz.." Das Motto des diesjährigen Festivals lautet 'Egoismus versus Solidarität', und genau darum geht es auch im Stück: Vier Soldaten aus dem 1. Weltkrieg sind desertiert und verstecken sich nun in einem Keller, um dort auf die Revolution zu warten und von der neuen Gesellschaft zu träumen. Doch anstatt zu handeln, stürzen sie sich aufeinander. "Das Dilemma zwischen Rudeltier und Individuum", nennt es Leif Eric Young. Klingt nach einem schwierigen Stück mit kompliziertem Text. "Er ist schwer zum Leben zu erwecken ", beschreibt es Sabah. "Am Anfang kommt es einem wie ein riesiger Batzen vor, den man Stück für Stück auseinander dröseln muss. Außerdem gibt es viele Bedeutungsebenen, die immer mitschwingen", fügt Larissa hinzu. Sie schreibt nebenbei noch an ihrer Bachelorarbeit und wechselt täglich zwischen Probebühne und Uni-Bibliothek hin und her. Freizeit bleibt gerade bei allen auf der Strecke, aber das sind die jungen Schauspieler - alle sind zwischen 19 und 23 Jahren alt -  gewohnt und möchten es auch nicht anders. "Wir gehen momentan alle an Schauspielschulen vorsprechen", sagt Lieselotte, "daher wissen wir, dass es später auch im Beruf genauso stressig sein wird." Nach der Probe muss die 19-Jährige auch gleich weg, da sie am Wochenende schon das nächste Vorsprechen in Stuttgart hat und ihre Monologe noch vorbereiten muss.

Wie viel Egoismus braucht ein gemeinschaftliches Projekt?

Uni, Arbeit und dann noch Proben, hat man bei dem ganzen Stress überhaupt noch Lust sich so oft zu sehen? "Auf jeden Fall! Wir haben sehr viel Spaß zu viert und die Probenarbeit funktioniert sehr gut. Wahrscheinlich auch weil wir uns alle schon einige Jahre kennen und gegenseitig sehr schätzen", antwortet Jonas lächelnd und die anderen stimmen ihm zu. "Das Stück ist anstrengender als andere Stücke, die wir bisher gemacht haben, aber die Proben sind sehr effektiv und produktiv. Wahrscheinlich auch weil wir alle etwas aufgeregt sind, da wir im Rahmen des Brechtfestivals spielen." Regisseur und Schauspieler Patrick Wengenroth leitet das Brechtfestival und kam auf das freie Theaterensemble zu, mit der Bitte, eine Eigenproduktion beizusteuern. Nach Weihnachten haben sie zu proben begonnen. Momentan befinden sie sich in der Endprobenphase und proben täglich mehrere Stunden. Eine beabsichtigte Herausforderung an ihre Eigenverantwortlichkeit war der Probenprozess, denn Regisseur Leif war im Januar für einige Wochen auf Schauspieltournee in Dänemark unterwegs. "Wir hatten ja schon vorgearbeitet im Dezember und haben dann einfach selbstständig weitergeprobt. Aber es war nicht immer einfach," betonen alle. Hilfe bekommt das Ensemble von Dramaturgin Eva Ries, die die Proben mitbetreut und immer zur Stelle ist, wenn Leif mal nicht abkömmlich oder zugegen ist. "Kostüm und Bühnenbild werden sehr detailliert und filmisch werden. Ein modernes Schlachtfeld, das durch die Schauspieler und den Spielort immer wieder verändert wird", berichtet der junge Regisseur enthusiastisch. So, jetzt müssen wir aber das Spielfeld räumen, denn Amelie Seeger, die für Bühnenbild und Kostüm zuständig ist, braucht alle Schauspieler, um letzte Feinheiten an ihren Outfits noch abzustimmen und dann geht die Probe auch schon los. Wer sich für die moderne Eigenproduktion Fatzernation interessiert hat die Möglichkeit sich für einen der Termine über www.reservix.de eine Karte zu besorgen oder kann sich direkt auf der Brechfestivalseite umsehen. Das Stück wird - theterüblich - etwas mehr als eine Stunde dauern und findet neben der Premiere am 28. Februar - diese ist allerdings schon ausverkauft - noch am 1. und 3. März statt.