Auf Bäumejagd

Das mit dem Lumbersexual-Style war ja noch nie so mein Fall. Mein Bartwuchs lässt keinen gepflegten Vollbart zu, rot-schwarz-karierte Hemden stehen mir nicht und mit einer Axt habe ich auch noch nie wirklich hantiert. Trotzdem gefällt mir die Idee, meinen eigenen Weihnachtsbaum zu schlagen.

Sie hat etwas. Irgendwas… männliches! Mein Urinstinkt meldet sich. Sofort kommt mir Tom Hanks in den Sinn, wie er im Film Cast Away völlig euphorisiert und stolz schrie: „Ich habe Feuer gemacht!“ Bis zu „Ich habe Baum gefällt!“ ist es dann auch nicht mehr weit. Ich stelle mir vor, wie der Baum auf den Boden stürzt, Äste knacken, Zweige abbrechen. Baumfällen – das ist männlich! Also fahre ich erwartungsfroh nach Heinrichshofen. Das liegt hinter Merching, knapp 30 Kilometer von Augsburg entfernt. Dort erwartet mich schon Sebastian Siebenhütter. Auf seiner Plantage befinden sich über 1000 Bäume, hauptsächlich Blaufichten und Nordmanntannen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen (in dem Fall Tannen) nicht – da steckt schon was dahinter... Seit 30 Jahren besitzt der Landschafts- und Gartenbauer die 1500 Quadratmeter, er legt Wert darauf, dass hier alles natürlich gewachsen ist. „Wir spritzen nicht und düngen so wenig wie möglich.“ Die Auswahl hier ist enorm: Klein, groß, buschig, schräg, eine oder mehrere Tannenspitzen. Während er mir seine Plantage zeigt, frage ich, welcher Baum fürs Fest nun der richtige wäre? „Das ist tatsächlich Geschmackssache“, antwortet er. „Wir hatten hier mal einen Baum, der an einem Bauwagen wuchs. Es war also nur zu 180 Grad begrünt. Dann kam ein Kunde und wollte genau diesen Baum, weil er ihn sich an die Wand hängen konnte.“ Ich steh aber mehr auf Tradition, mein Baum muss buschig sein und eine Spitze haben – ganz klassisch eben. „Na dann probieren Sie es doch mit dem“, schlägt der Baumflüsterer vor und deutet auf einen knapp zwei Meter hohen Baum am Rande der Plantage. Ich knie mich hin und fange an zu sägen. Netterweise leiht mir Siebenhütter seine Arbeitshandschuhe (meine habe ich – ganz männlich – daheim vergessen) und eine Säge. Ich setze an und säge und säge. Ritsch, ratsch. Vor und zurück.

Knochenarbeit

Bis zur Hälfte des Stamms bin ich relativ schnell durch, dann wird es tricky. Ich setze neu an, komme aber nicht wieder in den Säge-Rhythmus. Mache ich was falsch? „Sägen Sie ruhig weiter, aber drücken Sie etwas dagegen.“ Ich hebe meinen linken Arm, versuche den Baum zur Seite zu drücken (au, das piekst, ist halt Natur) und säge weiter. Ich werde ungeduldig. Blödes Ding. Fall doch endlich! „Warten Sie, ich helfe Ihnen…“ und nun drückt auch Siebenhütter. „Wie lange brauchen Sie eigentlich pro Baum?“ „30 Sekunden.“ Ich bin überrascht, wie schnell das gehen kann. Gleichzeitig ist seine Zeitansage auch Ansporn für mich (typisch männlich). Ich knie mich noch näher an den Stamm heran, um einen besseren Winkel zu haben, drücke erneut gegen den Baum und säge. Der Baum kippt. Er fällt. Endlich! Kein Geräusch, kein Rascheln. Plumps. Sogar meinen (männlichen) Spruch vergesse ich zu sagen. Ich raffe mich auf und da liegt er nun: Mein Baum! Mein eigens gesägter Weihnachtsbaum! Ich grinse. Der hat ja ein ganz schönes Gewicht merke ich, als ich ihn hochhebe. Mein Stolz wird größer („Ich habe Baum gefällt!“). Also ab mit ihm zum Verpacken, fertigmachen zum Transport. Jetzt kommt der einfache und schon oft gesehene Teil. Ab in die Netzmaschine (der Stamm zuerst!) und am anderen Ende wieder rausziehen. Das Netz um die Krone wegschneiden. Fertig! Mein eigens gefällter Baum ist bereit, nach Hause gebracht zu werden. Ich kann mir schon vorstellen, dass Familien Spaß an so etwas haben. Die Kleinen haben bei der Idee eines eigenen Weihnachtsbaumes sicherlich genauso große Augen gemacht wie ich. An Samstagen hätte ich jetzt sogar noch in der kleinen Hütte Glühwein und Lebkuchen bekommen, den Siebenhütter hier mit seiner Frau anbietet. Heute aber nicht. Ich bedanke mich und fahre schnell zurück nach Augsburg. Ich muss schließlich meiner Freundin zeigen, was ich gesägt habe („Ich habe Baum gefällt!“). Und wenn ich am 23. Dezember den – nein, meinen Baum – schmücke, dann kommt doch der Lumberjack in mir raus. Zwar ohne Vollbart und ohne kariertes Hemd, aber mit einem eigenen Baum!

Weitere Infos auf www.baumwastl.de