Kolumne: Wieder nix gelernt! - Die Gedanken eines Lehrers: Teil 2 - Musik

Unser Mann an der Tafel - Ein nicht mehr ganz so junger Lehrer beobachtet und denkt nach – über Schüler, Klassen, Lehrer , Schule, sich selbst und alles dazwischen – Seine Insider- und Outsideransichten exklusiv auf A-You!

Musik. Jeder hört sie, manche tun auch nicht mehr als das, andere schon, sie machen eine Wissenschaft daraus und definieren sich über Musik. Als der Autor dieser Zeilen jünger war, waren Musik und Jugendkulturen eng miteinander verbunden und die Gräben, die sich durch popkulturelle Lagerbildung etwa zwischen Metal und Hiphop auftaten, konnte nicht einmal die gute alte Teenagerliebe überwinden. Heute ist das anders und doch spielt Musik auch in der Schule eine Rolle und wird noch immer benutzt, um sich im Klassenzimmer zu positionieren. Eben weil Musik noch immer Teil der Popkultur ist, wie sie es immer schon war und immer sein wird.

Die 187 Tafelbande

Es ist der typische Fall: Egal, ob die Schüler straight aus dem Ghetto kommen oder Kühe vor dem Klassenzimmer weiden, es findet sich einer, der dem Ruf der Hood folgt und es als Teil seiner Rolle empfindet, in Abwesenheit des Lehrers „187“ oder Ähnliches an die Tafel zu schreiben. Auch was dann folgt, ist Teil des durchchoreografierten Spielchens: Als Lehrer bin ich natürlich schockiert ob dieser Ordnungswidrigkeit, lasse dann aber durchblicken, dass ich die 187 Strassenbande kenne, was die Schüler entsetzt zurücklässt. Ja, der Lehrer hört selbst Musik und nein, er hört nicht nur den fetzigen Spice Girls Song auf Seite 67 im Englischbuch von 1996, den Chansonklassiker, den in seinen vermeintlichen Wunschträumen die Klasse auf dem Frankreichaustausch zum Besten gibt oder die All-Time-Favourites seines Kirchenchors. Manchmal hört er das Gleiche wie die Schüler, manchmal auch was ganz Anderes, immer mit dem Verdacht im Hinterkopf, ob es nicht anbiedernd rüberkommen könnte, wenn er die ausgetrampelten Pfade des Schüler-Mainstreams und der Altersgemäßheit weiter verlässt als zwingend nötig. Und doch muss man feststellen, dass der Lehrer entgegen vieler Erwartungen zunächst einmal ein normaler Mensch ist, der trotz allem schon irgendwie auf der Höhe der Zeit ist.

Old School?

Dann ist da aber noch die andere Seite. Dem Normalbürger wird durch sein Umfeld weniger deutlich vorgehalten, dass er älter wird. Wenn er will, kann er sich mit Gleichaltrigen umgeben und alle neuen Entwicklungen der Popkultur aus der Distanz mit einem überlegenen Kopfschütteln quittieren oder gleich vollständig ausblenden. Unterschiedliche Generationen leben in eigenen Welten und bekommen nicht viel voneinander mit und wenn doch, führt es zu Irritationen. Das beste Beispiel dafür war die Comeback-Single „Ahma“ der Beginner mit Gzuz. Während ältere Semester die Freude über das Comeback ihrer Lieblingsrapgruppe durch den halbnackten Asi im Hafenbecken getrübt sahen, wunderten sich Jugendliche darüber, warum Gzuz diesen komischen Newcomern eine Chance gibt oder forderten gleich lautstark, er solle die Lappen zerstören. Unverständnis auf allen Seiten, man ging seiner Wege und ignorierte sich weiter. Bei mir als Lehrer ist das nicht so leicht. Ich werde täglich mit den Höhen und Tiefen der Popkultur konfrontiert und muss mich mehr mit ihnen auseinandersetzen, wenn ich sie und die Menschen dahinter nicht einfach als pädagogisches Problem abstempeln will. Und so nimmt das Drama seinen Lauf: Natürlich werde ich älter und habe in Bezug auf Musik gewisse Vorlieben, von denen ich viele aus meiner eigenen Jugend mitgenommen habe. Ich ahne, dass der Punkt kommt, an dem ich trotz meines Interesses an Popkultur immer weniger und wahrscheinlich irgendwann nichts mehr von dem kenne oder gut finde, was meine Schüler hören.

Die Mädchen aus der 7b

Und so kam es an jenem Februarmorgen beim Gespräch mit einer Klasse vor Stundenbeginn. Ich unterhielt mich mit einer siebten Klasse und während die meisten ordnungsgemäß Ed Sheeran hörten, gab es auch einige Rapfans unter den Schülern. Insgeheim freute ich mich und dachte, dass ich alles kennen würde, was jetzt kommen konnte, schließlich hörte ich seit gut 20 Jahren Rap und war auch einigermaßen auf dem aktuellen Stand. Einigermaßen. Die Gangstermädchen aus der siebten Klasse hörten Nimo und Ufo361 und ich hatte noch nie was von diesen Rappern gehört und fand sie bei meiner anschließenden Recherche daheim auch nicht gut. Wahrscheinlich hatte ich einen zu guten Musikgeschmack, aber da blieb immer noch die kleine Möglichkeit, dass ich einfach abgehängt worden war. Trap und Cloudrap, das war ja manchmal ganz lustig. Yung Hurn und die Attitude, einen Song in ein paar Minuten hingerotzt zu haben, das war schon irgendwie neu im Rap, yolo und so. Aber konnte man das Ganze wirklich auch ohne Ironie hören und rein musikalisch ohne den popkulturellen Überbau für gut befinden? Ich konnte es nicht. Hatte ich den Anschluss verloren an die Jugend und womöglich sogar an meine geliebte Rapmusik? Umgeben von jungen Menschen dämmerte es mir an diesem nasskalten Wintertag: Ich war alt geworden.

 Zum Autor: 

Michael Steber ist Lehrer an einem Gymnasium im Umkreis Augsburg und versorgt Euch von jetzt an regelmäßig mit den ungefilterten Gedankengängen eines "Mannes von der anderen Seite." Sein  Twitter-Profil: @SteberMichael