Kolumne: Wieder nix gelernt! - Die Gedanken eines Lehrers

Unser Mann an der Tafel - Michael S., ein nicht mehr ganz so junger Lehrer beobachtet und denkt nach – über Schüler, Klassen, Lehrer , Schule, sich selbst und alles dazwischen.

 Normalerweise würde ich jetzt meinen Namen an die Tafel schreiben und irgendwas Banales erzählen. Das mache ich jetzt ähnlich, nur ohne Tafel, wegen digitalen Medien und so. Ich bin 32 Jahre alt, also in Sachen Lebensplanung irgendwo zwischen Ikea-WG und Familie mit Haus und Garten (aber bitte ohne Hund). Wie mein momentanes Leben dann genau aussieht, überlasse ich eurer Fantasie. So wichtig ist das aber auch gar nicht, denn ich bin noch kein Privatmann, sondern verdiene mein Geld als Lehrer. Ja, ich habe in meinem Leben mehr als Schule, Uni und wieder Schule gesehen und nein, ich habe nachmittags nicht frei. Natürlich weiß jeder genau, was in meinem Beruf so alles abgeht, immerhin war ja jeder selbst mal Schüler und aus der hormongesteuerten Perspektive eines erzwungenermaßen in einer Bildungsanstalt herumgammelnden Vierzehnjährigen konnte man Berufe schon immer am besten beurteilen.

Geballtes Wissen im Klassenzimmer

Jetzt will ich den Spieß mal umdrehen: Wenn jeder aktuelle oder ehemalige Schüler alles über Schule und vor allem Lehrer weiß, dann weiß ein Lehrer vielleicht nicht alles, aber ganz bestimmt einiges über diejenigen, die irgendwann mal Schüler waren. Also über jeden inklusive sich selbst. Und da der Lehrer an sich jedes Jahr hunderte Schüler anvertraut bekommt, wächst seine Menschenkenntnis im Jahrestakt beinahe exponentiell, bis er sich schließlich der Idealvorstellung annähert, die früher ganz bestimmt mal ein paar Leute auf dem Dorf von ihm hatten: Er hat vieles gesehen, kennt fast jeden und ja, vielleicht irgendwann, weiß er auch alles.

Unser Mann an der Tafel

Und ganz bestimmt bekommt er auch mehr mit, als Schüler es im Unterricht ahnen. Die wenigsten Lehrer sind wirklich die seelenlosen Hüllen, die sie am Freitag in der letzten Stunde zu sein scheinen. Klar, es gibt sie, die Momente, in denen einem vielleicht nicht alles, aber doch ziemlich viel egal ist. Meistens aber interessiert mich das, was so alles im Klassenzimmer und in der Schule passiert und weil ich gerne pädagogisch Wertvolles tue, teile ich meine Beobachtungen in einer monatlichen Kolumne mit der Zielgruppe von A-YOU!. Wenn sich rein zufällig Schnittmengen mit meiner schulischen Zielgruppe ergeben, dann habt ihr gleich doppelt was gelernt: von euren sicherlich hervorragend qualifizierten und topmotivierten Lehrkräften in der Schule und vom Lehrer-Märchenonkel bei A-YOU!. Und wer selbst nicht mehr mit leerem Blick auf die Tafel starrt und vor Sehnsucht nach dem heißen, nur unwesentlich verpickelten Typen aus der letzten Reihe oder dem süßen Pferdemädchen aus der 7c vergeht, sondern Schüler und/oder Lehrer für was auch immer beneidet oder aber verachtet und für immer aus seinem Leben verbannt hat, der bekommt ab sofort an dieser Stelle monatlich Innensichten des Mannes an der Tafel. Und so wie Schüler jedes optische Merkmal und jede meiner Handlungen genauestens mustern, beobachte auch ich akribisch: Schüler, Kollegen und alles, was sonst zum Mikrokosmos Schule und der Bühne Klassenzimmer gehört, auf der ich mich als ein Hauptdarsteller immer wieder neu positionieren muss. Jeden Morgen in der Schule und jetzt auch einmal im Monat auf A-YOU!

Zum Autor: 

Michael Steber ist Lehrer an einem Gymnasium im Umkreis Augsburg und versorgt Euch von jetzt an regelmäßig mit den ungefilterten Gedankengängen eines "Mannes von der anderen Seite." Sein  Twitter-Profil: @SteberMichael