Poetry Slam: Eine literarische Schlacht für Ezgi Zengin

Ob Lyrik oder Kurzgeschichte, flüsternd oder schreiend, über Liebe oder Politik – bei Poetry-Slam ist alles erlaubt. Diese literarische Schlacht der Dichter und Poeten kennt nur eine Grenze nämlich Respekt. Die 21-jährige Ezgi Zengin, die im vierten Semester Grundschullehramt studiert und Poetry Slam als Schlupfloch aus dem Alltag sieht, erzählt von ihren Erfahrungen als Slammerin.

A-YOU!: Wie bist du zu Poetry Slam gekommen?
Ezgi Zengin: Ich bin zufällig auf das Video von Maximilian Humpert gestoßen und habe mich dann durch ein paar Poetry Slam Videos auf YouTube geklickt. Ich fand es schön, dass er über ein emotionales Thema (Liebe) slammte und dachte mir, das auch zu versuchen. Da war ich so Mitte 20, also bin ich noch nicht so lang dabei.
A-YOU!: Warum hast du dich für diese Kunstform entschieden?
Zengin: An erster Stelle für mich selbst. In meinen Texten verarbeite ich Erlebnisse, die mich bewegen. Es ist für mich eine Art von Kunst, ich schreibe so wie ich male, um etwas zu kreieren. Für mich ist es eine Art der persönlichen Entfaltung, weil wirklich jeder Poetry Slam machen kann, der es will. Man präsentiert sich durch seine Texte auch selbst, genau deswegen muss man differenzieren können, ob man auf der Bühne steht oder im normalen Leben.  
A-YOU!: Wo schreibst du am liebsten?
Zengin: Ich habe keinen Lieblingsort. Egal wo ich bin, schreibe ich meine Ideen auf – ab und zu in der Straßenbahn. Ich habe immer Schreibzeug dabei und eines meiner vielen Notizbücher ist mein ständiger Begleiter. Ich kann mich nicht hinsetzten und sagen: Jetzt schreib ich einen ganz neuen Text. Da fehlen mir dann einfach die Funken. Wo sollen am Schreibtisch auch Ideen herkommen?! An meinem Schreibtisch arbeite ich eigentlich nur Ideen aus, oder bearbeite ältere Texte.
A-YOU!: Wie fühlt es sich an auf der Bühne zu Performen?
Zengin: Auf der Bühne stehen ist für mich etwas Schönes. Ich habe früher Theater gespielt und dadurch schon Bühnenerfahrung gesammelt. Das hat die ersten Schritte leichter gemacht. Aber es ist trotzdem etwas Anderes mit einem selbst geschriebenen Text auf der Bühne zu stehen, als mit einem vorgegebenen Skript. Es ist trotzdem viel Adrenalin im Spiel vor dem Auftritt. Es muss einem Spaß machen, sonst ist man fehl am Platz. Vor meinem allerersten Auftritt bin ich nervös hin und her gelaufen. Mein erster Text war fünf Minuten lang und ich wollte ihn auswendig präsentieren. Mit der Zeit ist die Nervosität aber abgeklungen. Ich trinke vor Auftritten viel, damit ich keinen trockenen Mund bekomme. Und rede mir ein, dass mir nichts Schlimmes auf der Bühne passieren kann. Falls doch was schief geht, erinnert sich in zehn bis 20 Jahren wahrscheinlich sowieso keiner mehr daran. Manchmal hat man aber auch gar keine Zeit nervös zu sein. Bei meinem letzten Auftritt in Fürth hatte mein Zug so viel Verspätung, dass ich gerade noch pünktlich  war.

Slammen ist Kunst

A-YOU!: Was waren deine bisherigen Erfolge?
Zengin: Ein besonderes Ereignis war für mich Anfang März der Künstlerempfang im Goldenen Saal im Rathaus. Ich wurde gefragt, ob ich dort auftreten möchte. Das war eine unglaublich große Ehre, als einzige Augsburger Slammerin dabei zu sein. Das werde ich so schnell nicht vergessen. Letztes Jahr habe ich auch beim Modular Festival mitgemacht. Das ist echt eine coole Sache! Das Modular wird von Jugendlichen für Jugendliche organisiert, damit kann ich mich identifizieren. Außerdem waren im Kongress am Park kurz davor die Deutschen Meisterschaften 2015 im Poetry Slam, es ist einfach ein Highlight da zu stehen, auf der bekannte Künstler vorher gestanden haben. Ich bin echt dankbar, dabei gewesen zu sein. Aber für mich ist es nicht ausschlaggebend ob ich bei einem Slam gewinne oder nicht. Wenn nach einem Auftritt eine Person zu mir kommt und ich ihm ein Gefühl gegeben habe, oder etwas in ihm ausgelöst habe, dann bin ich glücklich. Es ist toll zu wissen, dass man Menschen berührt und bewegt. Das ist das schönste daran.
A-YOU!: Ein paar Tipps für alle die jetzt inspiriert sind:
Zengin: Grundsätzlich gibt es keine Altersbegrenzung, jeder der will kann bei einem Poetry Slam mitmachen. Am ersten Text arbeitet man am intensivsten. Für manche ist es leichter über lustige Themen zu reden, manchen fallen ernste Themen leichter. Auf der Bühne dann sollte man versuchen, möglichst frei zu sprechen, das kann man gut vor dem Spiegel üben. Ich habe meine Texte oft vor Freunden vorgetragen, das hilft die Nervosität in den Griff zu bekommen. Am Anfang kann man sich erstmal auch auf kleineren Slams in Cafés oder auf offenen Bühnen versuchen, denn beim Grand Slam auf der Brechtbühne sind immer sehr viele Zuschauer da. Man sollte nie vergessen, dass man auf der Bühne eine Rolle spielt. Man ist nicht mehr man selber. Am aller wichtigsten ist üben, üben, üben. Es ist noch keine Slamlegende vom Himmel gefallen.
A-YOU!: Hast du einen Lieblingstext?
Zengin: Es ist sehr schwer zu sagen welchen Text man am meisten mag. Das ist fast so, als müsste man sich entscheiden, welches sein Lieblingskind ist! Mein allererster Text ist etwas besonders für mich. Er heißt „Beinahe“.

Ezgi slammt über das Scheitern

In „Beinahe“ geht es um einen Menschen und darum, wie es ist, diese Person zu verlieren, obwohl es „beinahe“ geklappt hätte. Man erfährt, wie verloren man sich fühlen kann, wenn die Liebe nicht mehr vorhanden ist, die Gefühle des Gegenübers weg sind. Der gesamte Text ist als ein Buch aufgebaut. Und am Ende wünscht sich das lyrische Ich aber, dieses Buch nicht geschrieben zu haben, weil es eben nicht funktioniert hat.
Wer sich von der Performance von Ezgi Zengin überzeugen möchte, der schaut auf YouTube oder auf ihrer Facebookseite vorbei.

Ausschnitt aus „Beinahe“:

Ich war nur ein Nebenspieler in einem deiner Kapitel
Während du der Hauptcharakter meiner Handlung warst
Und nun frägt mich jeder Statist warum ich als Protagonist
Der bin, der ich nun durch dich geworden bin