Politik: Claudia Roth stellt sich den Fragen des A-YOU!

Am 24. September ist Bundestagswahl. Da wird es höchste Eisenbahn, dass wir uns die Direktkandidaten aus Augsburg und Umgebung näher ansehen. Von Woche zu Woche werden wir euch die Kandidaten näher bringen. Dabei ist es erst einmal egal, wen ihr wählt, wichtig ist DAS IHR WÄHLEN GEHT! Die Politiker/innen haben sich den Fragen des A-YOU! gestellt und hier erfarht ihr, was Claudia Roth von Bündnis 90/Die Grünen zu sagen hat.

Politiker müssen eine Geschichte haben, um Wahlen zu gewinnen: In drei Sätzen, was ist Ihre Story?

"Ich halte es da mit Bertold Brecht, der geschrieben hat: „Ändere die Welt. Sie braucht es.“ Und dafür braucht es uns Grüne – denn nur mit uns gibt es echten Klimaschutz, nur wir treten derart engagiert für den Zusammenhalt in unserer offenen Gesellschaft ein, und nur bei uns gibt es Bürger- und Menschenrechte ohne neoliberales Wenn und konservatives Aber. Für die jüngeren Leserinnen und Leser könnte man es aber auch mit den Ärzten sagen: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Also: anpacken."

Ist der größte Mythos in der Politik, dass Wahlkämpfe mit Inhalten gewonnen werden?

"Wir Grüne versuchen jedenfalls, dagegen zu halten, zu politisieren und mit klaren Inhalten zu überzeugen. Nicht ohne Grund haben wir unser ausführliches Wahlprogramm in einem übersichtlichen Zehn-Punkte-Plan zusammengefasst. Da kann sich jeder einen schnellen Überblick verschaffen und nachlesen, wofür wir uns einsetzen wollen. Wer das gut findet, soll uns wählen. Wer mehr erfahren will, kann im Wahlprogramm nachschlagen. Und wer unsere Ideen nicht mag, kann gerne mit uns darüber diskutieren.

Aber es stimmt natürlich schon: Der Wahlkampf hat begonnen, und das merkt man auch an der Debattenkultur. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die gesamte Diskussion um innere Sicherheit in Deutschland erscheint mir gerade sehr hysterisch, nicht selten auch opportunistisch. Dabei sollten sich die demokratischen Parteien doch von den Rechtspopulisten in Inhalt und Form klar unterscheiden. Ich hätte mir persönlich gewünscht, dass aus dem ehrlichen Entsetzen über die Anschläge von Paris, Brüssel und Berlin – aber auch von Beirut, Kabul oder Teheran – endlich die Besonnenheit und der Respekt erwachsen wären, die dieser sensible Politikbereich verdient. Dass die üblichen Verdächtigen auch mal darauf verzichten, mit einfachen Antworten und kurzsichtigen Beißreflexen auf Stimmenfang zu gehen. Stattdessen heißt es dann, die eine Partei habe doch keine Ahnung, die andere sei verlogen, und selbst sei man unfehlbar. Plötzlich kommen dann wieder die markigen Forderungen nach immer neuen Gesetzen – Worte, die Sicherheit nur suggerieren, denn faktisch kommt es doch meist auf die Anwendung und Durchsetzung von Recht an, nicht auf dessen x-te Verschärfung. Und ausgerechnet die Parteien, die über Regierungsjahre hinweg die Polizei in Bund und Ländern kaputtgespart haben, beklagen lautstark, die Sicherheitsbehörden seien ja in einem desolaten Zustand – und geben dann auch noch uns Grünen die Schuld, die wir seit Jahren auf eine starke und gut ausgerüstete Polizei setzen.

Dieses ständige Vereinfachen, Spalten und Hetzen ist einfach anstrengend und unwürdig. Und es bringt uns nicht weiter. Respekt, Dialog und Inhalte wären da wahrlich die bessere Wahl!"

Wie wollen Sie junge Leute überzeugen, wählen zu gehen?

"Viele tun das ja bereits. Denen, die noch zögern, müssen wir klar und deutlich aufzeigen, dass es bei der Bundestagswahl eben nicht um ein paar Pöstchen in Berlin geht, sondern um ihre eigene Zukunft – um die Art und Weise, wie sie studieren, arbeiten und leben werden. Viele junge Menschen, mit denen ich derzeit auf Veranstaltungen rede, sagen mir übrigens, dass der Brexit da ein regelrechter Wachmacher war. In Großbritannien sind viele Jugendliche ja zuhause geblieben, weil sie dachten, dass selbstverständlich das NEIN gewinnen würde. Am nächsten Tag wurden sie dann in einem Land wach, in dem insbesondere die älteren Bevölkerungsschichten entschieden hatten, dass vor allem die heutige Jugend ihre Zukunft außerhalb der EU würden leben müssen.

Das ist eine schmerzhafte, aber wichtige Erkenntnis. Und sie gilt auch für Deutschland. All die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte – Frieden, Reisefreiheit, demokratische Grundrechte – sind keine ewig währende Selbstverständlichkeit. Sie wurden hart erkämpft und müssen immer wieder verteidigt werden. Auch und gerade von den jungen Leuten. Und natürlich reden wir von ihrer Zukunft, wenn wir beispielsweise davor warnen, welche Konsequenzen der Klimawandel im Jahr 2050 haben könnte, wenn wir nicht endlich etwas, wenn wir nicht auch ein Stück weit uns ändern.

Als die grüne Partei gegründet wurde, hieß es immer: Wir haben diesen Planeten von unseren Kindern nur geborgt. Das stimmt weiterhin. Umso wichtiger ist es da aber, dass diese Kinder ihre Zukunft auch aktiv mitgestalten. Im Verein, in der Familie, in Initiativen. Wer mag, kann natürlich auch in den Jugendorganisationen einer Partei mitwirken – bei uns ist das die Grüne Jugend. Vor allem aber haben wir das große Glück, in einer Demokratie zu leben und wählen zu können. Ich kann nur jede und jeden Einzelnen ermutigen, dieses Privileg wahrzunehmen und seinen Senf dazuzugeben."

Wann wussten Sie, dass in Ihnen ein Politiker steckt?

"Zunächst mal: eine Politikerin! Davon abgesehen, ist das eine wirklich schwierige Frage. Ich habe Privates stets politisch aufgeladen, und Politisches zu meinem Privatleben gemacht. Ich habe da nie klare Trennlinien gezogen. Das war schon so, als ich noch als Dramaturgin am Theater gearbeitet habe – und als Managerin von „Ton, Steine, Scherben“ sowieso. Irgendwann aber standen wir dann vor der Entscheidung, uns entweder einem der großen Plattenlabels anzuschließen, weil alles andere kaum noch finanzierbar war, oder aber die Band aufzulösen. Wir entschieden uns mehrheitlich für letzteres, weil wir uns nicht vorstellen konnten, in unserer Kunst von irgendwelchen Plattenbossen abhängig zu sein. Wir wollten frei bleiben. Durch Zufall fiel mir dann ein Stellengesuch in die Hände: Die Grünen, die noch ganz frisch im Bundestag waren, suchten eine Pressesprecherin. Dort habe ich mich beworben, mit Erfolg. Und wenige Jahre später habe ich entschieden, selbst Politik zu machen – zunächst im Europäischen Parlament, später dann als Parteichefin und nun im Bundestag. Darüber bin ich sehr froh. Denn es gibt noch so viel zu tun!"

Welches Kompliment hätte Ihnen Rainer Brüderle in einer Hotelbar in Stuttgart gemacht?

"Das müssen Sie schon Rainer Brüderle selbst fragen."