Until I Break: Das kritische Auge von Thomas Sing auf die Gesellschaft

Der Ausnahmekünstler Thomas Sing hat ein neues Aushängeschild – Until I Break. Das aufwändig gestaltete Kunstbuch ist in einer limitierten, nummerierten und signierten Edition von 300 Exemplaren erschienen. Die innere Zerrissenheit ist in den wunderschönen Fotografien spürbar. Welche Themen werden in Until I Break von Thomas Sing behandelt und wie beschreibt der Künstler selbst seine Werke?

Thomas SingEs ist wohl eines der persönlichsten Werke von Thomas Sing – Until I Break. In diesem Buch laufen sozusagen sämtliche Einflüsse der letzten Jahrzehnte zusammen. Autobiographische und fiktionale Elemente vermischen sich zu einer Geschichte, in der die Frage nach dem Subjekt immer wieder verschoben wird und letztendlich offen bleibt. „So entstand in assoziativer Aneinanderreihung einzelner Szenen eine Art coming-of-age voller Zärtlichkeit und Gewalt, das zwischen den Polen der Spiritualität und der Sexualität oszilliert, bis beide ununterscheidbar werden. Beispiel hierfür wäre das Foto: die Zärtlichkeit des Kreuzes und die Gewalt der
Dorne, aber man kann es auch umgekehrt lesen: die Zärtlichkeit der Dorne und die Gewalt des Kreuzes. Dabei interessiert mich Religion als Institution wenig. Ich versuche vielmehr, jenen Bereich "Innerer Erfahrung" (der Begriff stammt von Georges Bataille) nachzuvollziehen, jenen intimen Ort im Menschen zu erkunden, der sich der Vereinnahmung durch jedes System entzieht.“ Doch warum ist ihm genau das so wichtig?

Übermedialisierung der Gesellschaft

„Ich finde, das ist eine sehr aktuelle Frage: Wir sind heute geradezu überschwemmt von Spektakeln aller Art: Werbung, Fernsehen, völlig sinnfreie Entertainment-Formate, die nur den Sinn haben, den Zuschauern das Fehlen jeder Art von Tiefe als Spaßfaktor und letztlich als begehrenswert zu verkaufen. Auch die Religionen haben heute nicht mehr den gesellschaftsstiftenden Sinn, den sie einmal hatten, zumindest nicht mehr in dem Ausmaß, und die Sexualität wurde, nachdem sie im 19. Jahrhundert vollkommen tabuisiert war, in den letzten Jahrzehnten vollkommen banalisiert und werbeförmig gemacht: es geht nur um Performance und glatte Oberflächen,“ berichtet Thomas Sing. Dabei blickt der Fotograf vor allem unter die Oberfläche der Menschen, die anscheinend eine große Sehnsucht nach Tiefe und Bedeutung jenseits des Spektakels haben. Dabei wird der 38-Jährige ziemlich philosophisch: „Auch wenn man, spätestens seit Nietzsche, konstatieren muss dass Gott tot ist, bedeutet das noch lange nicht, dass der Platz, den er besetzt hat, nicht mehr existiert; er ist nur leer, vakant geworden. Gleiches gilt für die Sexualität: es gibt da, abseits der Schlachtfelder performativer Selbstdarstellung und resignierter Konformität, geradezu einen Durst nach tiefer, wahrer Erfahrung, und ich bin mir sehr wohl bewusst wie problematisch es ist, im postfaktischen Zeitalter von Wahrheit zu sprechen. Aber genau da setzt Until I Break an.“

Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Thomas SingDer kritische Blick, den Thomas Sing auf die Gesellschaft wirft, wird in Until I Break aufgezeigt: „Ich möchte die Risse zeigen, die Spuren zwischen den Rissen suchen, die ganze Klaviatur  menschlicher Erfahrung erforschen – Sehnsucht, Zärtlichkeit, Erotik, aber auch Wahnsinn, Gewalt und den Wunsch nach Selbstverlust, der letztlich ja auch immer ein Wunsch nach Kommunikation ist, im Sinne von Kommunion. Und so speziell und vielleicht auch verstörend dieses Buch für manche Leser auch sein mag: oft sind es gerade die singulärsten Erfahrungen, die einen universellen Sinn bekommen, indem sich der Betrachter, der ja immer sein eigenes Leben mit sich bringt und in seinen Blick legt, mit ihnen identifizieren oder auch von ihnen abgrenzen kann.“ Wie wichtig diese kritische Auseinandersetzung ist, wissen auch die Juroren des Prix de la Photographie Paris Awards.

Until I Break räumt ab

 „Kurz gesagt, das ist mein mit Abstand persönlichstes Werk bisher, und ich freue mich über die Tatsache, wie gut es bisher aufgenommen wurde, selbst von vielen, die solchen Themen nicht wirklich nahestehen. So langsam kommt auch schönes Feedback aus der Kunstszene, und ganz aktuell hat Until I Break Silber in der Kategorie 'Bücher / Fine Art' beim renommierten Prix de la Photographie Paris (Px3) gewonnen.“ Es ist greifbar spürbar, dass Thomas Sing die Fotografie mit der Gesellschaft eng verknüpft und diese versucht kritisch zu betrachten und auf Fotopapier für die Ewigkeit zu fesseln. Wir können gespannt sein, welcher Frage der Fotograf in seinem nächsten Projekt nachgeht.