Rock Your Life: Jugend für Jugend

Sich sinnvoll engagieren. Für viele Menschen ist dies ein (lobenswerter) Vorsatz. In die Tat umgesetzt wird dieser aber nur in den seltensten Fällen. Warum regionales Engagement für die Entwicklung von Jugendlichen wichtig, sinnvoll und wirkungsvoll ist, erklären Fabienne Schulte und Marielle Klähn (Foto unten) von der gemeinnützigen Organisation Rock Your Life! Augsburg (RYL!). Sie sind beide Gründungsmitglieder des Vereins in Augsburg und studieren an der hiesigen Universität Geographie, beziehungsweise Erziehungswissenschaften. 

Doch was ist RYL! überhaupt? Die Initiative geht auf ein Pilotprojekt an der Zeppelinuniversität in Friedrichshafen zurück. Dort sollten Wege zur Überwindung von Bildungsungerechtigkeit aufgezeigt werden. Die Kampagne für Chancengleichheit traf auf große Zustimmung, in Folge dessen sich in immer mehr Regionen RYL!–Vereine zusammenschlossen. Aktuell fördern sie Schüler an über 45 Orten in Deutschland und der Schweiz mit einer Art eins zu eins Mentoring. Hierbei werden die Jugendlichen einzeln von Studierenden im schulischen und sozialen Leben betreut.

„Als ich auf RYL! aufmerksam geworden bin, war ich erst einmal überrascht, dass es keinen Standort in Augsburg gibt“, berichtet die Vorstandsvorsitzende Fabienne. Dies sollte sich aber noch ändern. Seit 2015 gibt es die RYL!-Organisation auch in Augsburg. Doch bis zum tatsächlichen Bestehen des Vereins war es ein langer Weg.

Die erste Hürde in Deutschland: Ein Verein benötigt sieben Mitglieder, um gegründet werden zu dürfen. Also suchte und begeisterte die Geographiestudentin Personen aus ihrem Freundeskreis und Kommilitonen, unter anderem auch die heutige Mentoren-Koordinatorin Marielle, für die Idee, Schüler aus benachteiligten oder schwierigen Verhältnissen zu fördern. Als nächstes mussten die „enormen bürokratischen Aufgaben“ bei der Anmeldung und Finanzierung bewältigt werden.

Hilfe für förderbedürftige Kinder

In Augsburg werden Schüler der achten Klasse der Löweneckschule Oberhausen durch die sogenannten Mentoren betreut. Mentoren sind Studierende der Universität Augsburg, die hier als Berater und Förderer fungieren und versuchen, eigene Erfahrungen und eigenes Wissen weiterzugeben. Sie betreuen ihre Schützlinge zwei Jahre lang und das völlig individuell, denn jeder hat so mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen. „Aktuell sind es 15 Schüler-Studenten-Pärchen, die sich bei einer Art Speed-Dating das erste Mal kennengelernt haben“, erklärt Marielle. Perfekte Trefferquote sozusagen. Jeder Schüler hat dabei einen Mentor, der von einem speziell für RYL! ausgebildeten „Lehrer“ auf das Projekt vorbereitet wurde, gefunden. Bei der individuellen Förderung handelt es sich jedoch um keine Berufs- oder Schulbegleitung, wie die beiden Studentinnen anmerken: „Wir wollen keine Aufgaben der Schule übernehmen“. Stattdessen soll eher das fehlende Selbstvertrauen der Schüler aufgebaut werden und der richtige Impuls zur Selbstfindung in einer komplizierten Phase gegeben werden. „Wichtig ist hierbei, dass den Schülern klar gemacht wird, dass ihnen die Welt offen steht.“ Des Weiteren wollen die beiden mit der RYL!-Organisation bei der passenden Berufsfindung mit einer außergewöhnlichen Strategie helfen: „Oft ist es am Anfang wichtiger, herauszufinden, was die Schüler für ihre Zukunft nicht wollen, um somit Sachen ausschließen zu können.“ Diese Dinge finden die Mentoren gemeinsam mit ihren Schützlingen in den mehrmals im Monat stattfindenden Treffen heraus. Sie besprechen persönliche Belange und versuchen Lösungen zu finden. Oftmals steht auch das Thema Bewerbung im Mittelpunkt, bei dem sie dann tatkräftig von ihren Begleiter unterstützt werden.

Vorteil für Schüler?

Worin liegt jedoch der Vorteil, von Studenten betreut zu werden? „Wir haben den Vorteil unserer Altersnähe. Somit sind wir Bezugspersonen außerhalb der Schule und den Eltern.“ Doch nicht nur in der beruflichen Karriere wird gefördert: „Wir wollen auch bei kleinen Lebenskrisen helfen. Hier ist dann das Vertrauensverhältnis zwischen Mentoren und Schülern nützlich, weil wir so versuchen können, einen richtigen Umgang mit Situationen zu vermitteln“. Aber ebenso sind die Erfahrungen für die Mentoren und Beteiligten bei RYL! hilfreich, wie Fabienne und Marielle reflektieren:  „Wir werden hier echt ausgebildet fürs Leben, weil wir mit anderen Lebenswelten in Kontakt kommen.“ Und so kommt es auch zu wirklichen Freundschaften, die zwischen den Jugendlichen und den Mentoren entstehen.

Die Jugendlichen dieser „anderen Lebenswelten“ müssen mit verschiedensten Schwierigkeiten zurechtkommen. Jene reichen von mangelnder sozialer und auch geographischer Mobilität bis hin zu Benachteiligungen bei Bewerbungsverfahren. So sollen mithilfe von RYL! Vorurteile gegenüber den Schülern abgebaut werden: „Wir wollen zeigen, dass sie echt was drauf haben und fleißig sind.“ Vielleicht kann sogar etwas für eine Zusammenführung von sozialen Milieus getan werden, schließlich handle es sich um die „Gesellschaft von Morgen“.

Hilfe für die Initiative

Hier stellt sich aber die Frage, ob es nicht eigentlich die Aufgabe der Politik ist, diese Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zu beseitigen. Diese Meinung vertreten die Geographie- und die Erziehungswissenschaftsstudentin aber nicht zwangsläufig: „Wir sehen das hier als politisches Engagement. Auch die Gesellschaft muss einen Teil zum Funktionieren beitragen.“ Enttäuscht sind sie eher darüber, dass keine finanzielle Förderung stattfindet. Nichtsdestotrotz ist die Begeisterung für ihre Tätigkeiten und das Brennen für ihre Aufgaben bei beiden offensichtlich. Sie motiviert das regionale Engagement „vor der Haustür“. „Man kann nicht nur in der Welt etwas verändern, sondern kann das ganz gut auch hier tun“, erläutert die 25-jährige Fabienne. So wollen sie und Marielle in Augsburg für eine „neue Stadtverbundenheit“ bei der jungen Bevölkerung sorgen. Die Motivation, viel Kraft in dieses Projekt zu stecken, wächst mit dem Fortschritt und Wachstum desselben. So helfen positive Rückmeldungen von außerhalb und die Vereinskultur innerhalb dabei, den Spaß an der Arbeit beizubehalten.

Spaß am Lernen

Allgemein zieht sich dieser rote Faden durch alle Bereiche von RYL! -Augsburg: Es muss Spaß machen! Bei den drei zweitägigen Treffen lernen sich alle Beteiligten erst einmal kennen und es wird viel gespielt. Egal ob Kennenlernspiele (Bild oben) oder Basketball im Freien. Die gemeinsame Aktivität schafft Vertrauen. Durch die unterschiedlichen Gruppenspiele kristallisiert sich dann auch immer mehr heraus, welcher Mentor zu welchem Schüler passt.

Doch auf dem bisherigen Erfolg wird sich nicht ausgeruht. Der Wachstumsprozess, in dem sich RLY! –Augsburg befindet, soll sich durch neue Mitglieder und neue Sponsoren ausweiten. So sind die zwei Studierenden zwar dankbar für die bisher geleisteten Hilfen, ohne die das sinnvolle Projekt in dieser Form nicht möglich wäre. Dennoch ist die Suche nach weiteren Sponsoren, die den Verein unterstützen, nicht abgeschlossen. Weil auch hier heißt es „ohne Moos nix los“, dementsprechend wichtig sind Spenden. Jedoch betonen die Beiden, dass ein Engagement von Unternehmen und Firmen auch für sie selbst attraktiv sei, „da sich so selbstbewusste Schüler für oftmals nicht besetzte Ausbildungsplätze entwickeln. Wichtig ist in der RYL! -Familie, dass alles ohne Zwang funktioniert“, beschreibt Marielle.

Ein echtes Highlight bei Rock Your Life! Augsburg ist die Beteiligung bei „Augsburg kocht: Das soziale Kochbuch“. Hier haben die Mentoren gemeinsam mit ihren Schützlingen einen Teil zum Kochbuch beigetragen und so auch weiter auf ihre soziale Initiative aufmerksam gemacht.

Generell befindet sich der Augsburger Verein nicht nur im Wachstum, sondern auch im Umbruch. Es kommen zwar immer mehr Mitglieder hinzu, aber manche ziehen sich auch zurück. Genauso geht es auch Fabienne, die noch nicht weiß, ob sie nach ihrem Bachelor in Augsburg bleiben wird. Sie wird dem RYL! aber sicher nicht verloren gehen, auch wenn sie die Fuggerstadt verlässt: „Wenn ich in einer anderen Stadt lebe, in der es einen RYL! -Verein gibt, werde ich mich dort ebenfalls einbringen!“