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Big Data: Das Internet der Zukunft und die Frage nach der Bombe

„Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ – unter dieser Überschrift erscheint Anfang Dezember ein Artikel auf der Homepage der Schweizer Zeitschrift Das Magazin, der – wie sich zeigen sollte – selbst eine gewaltige Sprengkraft besitzt. Innerhalb weniger Tage geht der Artikel viral durch die sozialen Medien, bis schließlich auch große Leitmedien wie die Zeit oder die Welt das Thema aufgreifen. Worum geht es? Die Autoren beschreiben darin eine Methode, mit der Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook bis ins kleinste Detail analysiert werden können. Soweit, so gut! Das Spektakuläre daran: Diese Methode, die eigentlich von dem Psychologen Michael Kosinski entwickelt wurde, soll Donald Trump zum Wahlsieg in den USA verholfen haben. Während die ganze Welt rätselt, wie der populistische Milliardär ins mächtigste Amt der Welt gewählt werden konnte, wird hier also eine Antwort gegeben, die den Zeitgeist trifft.

Ein Unternehmen Namens Cambridge Analytica soll Kosinskis Vorgehen kopiert und seine Dienste an Trump verkauft haben. Der wiederum soll anhand dieser Daten, also dieser Informationen, seine Kampagne ausgerichtet haben. Vom digitalen Umsturz ist die Rede, das datenbasierte Analyseverfahren ist die Bombe. Professor Dr. Jeffrey Wimmer ist Lehrstuhlinhaber für Kommunikationswissenschaft an der Universität Augsburg, einer seiner Forschungsschwerpunkte ist Medienrealität. Er warnt davor, solche Kausalzusammenhänge herzustellen: „Solche Verfahren können in gewissen Situationen durchaus einen Ausschlag geben. Wir sollten aber nicht den Fehler machen und darin den einzigen Grund für Trumps Wahlsieg sehen.“ In der Tat ist die Verknüpfung Datenanalyse-Trumpsieg zu einfach, aber, und das ist wohl viel wichtiger, der Artikel entfacht eine neue, wie Wimmer sagt, längst überfällige öffentliche Diskussion über Big Data.

Wie sieht die Zukunft des Internets aus?

„Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, mit welchem Internet wir in der Zukunft leben wollen. Ob es nur nach den Gesetzen des freien Marktes strukturiert wird, oder ob nicht doch staatliche Regulierungen nötig sind,“ so der Kommunikationsforscher. Man sieht hier, wie ähnlich sich die digitale und die analoge Welt sind. Auch der öffentliche Alltagsraum vor Zeiten der Digitalisierung unterlag und unterliegt immer noch einer solchen ständigen Aushandlung. Und heute? Heute gehört der digitale Raum zu unserem alltäglichen Leben. Wer aus dem Haus geht, hat sein Handy dabei, wer Filme oder Serien schaut, geht auf Streaming-Portale und Musik kauft man auch nicht mehr nur beim Plattenladen um die Ecke. Kommunikation mit unserem Umfeld findet zu einem nicht unerheblichen Teil in der digitalen Welt statt. Die Metapher von den zwei Welten sei laut Wimmer sowieso nicht mehr zutreffend: „So war das vielleicht noch in der Anfangszeit, als das Internet eher als eine Art second life, eine virtuelle Realität gesehen wurde. Heute aber sind die zwei Sphären untrennbar miteinander verbunden. Fast alles, was wir tun, hinterlässt einen digitalen Fußabdruck.“ Und so entsteht das, was mittlerweile den meisten als Big Data bekannt ist. Riesige Datenmengen, die Informationen über alle möglichen Lebensbereiche beinhalten. Für die Wirtschaft sind diese Daten pures Gold. Je besser Werbung auf den Empfänger abgestimmt ist, desto wirkungsvoller ist sie. Mittlerweile sind online-Anzeigen höchst personalisiert. Aber diese sogenannten personal ads sind nur die Spitze des Eisbergs. Beispiel Facebook: Wer die Timeline herunterscrollt, sieht ausgewählte Beiträge – von anderen Nutzern in seiner Friendlist, aber eben auch Zeitungsartikel. Nachrichten, die nicht immer von ausgebildeten Qualitätsjournalisten aufbereitet wurden. „So kommt es zum Beispiel dazu, dass sich Falschmeldungen über gekaufte Demonstranten vor dem Trump-Tower rasend schnell verbreiten. Dass das gar nicht so war – da muss ja nicht mal eine intendierte Lüge dahinter stecken – interessiert dann aber nicht mehr“, erklärt Wimmer.

personal ads nur die Spitze des Eisbergs

Wer aber entscheidet, was genau ich auf meiner Timeline zu sehen bekomme? Wer entscheidet, was ganz oben steht? Diese Aufgabe übernimmt ein datenbasierter Algorithmus. Daten machen also Meinung! Gerade in Zeiten, in denen Postfaktisch zum Wort des Jahres gewählt wird, empfiehlt Wimmer daher: „Man sollte sich einfach bei verschiedenen Medien informieren und nicht nur die Artikel lesen, die einem auf der Facebook-Timeline vorgeschlagen werden.“

Prinzipiell sei, wie alles andere, auch das Phänomen Big Data eine Medaille mit zwei Seiten. Diese Datenmengen können sehr funktional für unser alltägliches Leben sein, wie wir es im Moment oft erfahren. Sie beschleunigen Kommunikation und Information. Aber Big Data birgt auch Gefahren. Zumindest das hat der Bomben-Artikel bei aller Zuspitzung eindrucksvoll gezeigt. Und auch, dass das Internet unter diesen Gesichtspunkten halt dann doch irgendwie noch Neuland ist. „Für viele ist das Internet auch irgendwie ein Naivland. Ich vergleiche das gerne mit Essen, denn auch digitale Medien sind in gewisser Weise unser täglich Brot. Wir haben lange Zeit einfach in uns hineingegessen, weil es gut geschmeckt hat und jetzt machen wir uns langsam Gedanken über eine ausgewogene gesunde Ernährung,“ so Wimmer.

Wie genau das Internet in Zukunft aussehen wird, das kann auch der Professor nicht voraussagen, aber: „Es gibt durchaus verschiedene Pfade, die sich abzeichnen, wie wir das Internet der Zukunft gestalten. Es kann sein, dass sich die Logik des freien Marktes weiter durchsetzen wird und das Internet weiter kommerzialisiert wird. Es kann sein, dass sich ein Zweiklasseninternet bildet und nur diejenigen, die dafür zahlen wollen und auch können, vollen Zugang haben und ansonsten einzelne Pakete angeboten werden. Der Gegenpol dazu wäre eine starke staatliche Kontrolle. Ein Internet nach dem Vorbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufgebaut. Ich denke und hoffe, dass wir uns irgendwo in der Mitte einpendeln.“ Und noch einen Aspekt spricht Wimmer für die Zukunft an, der einem kaum präsent ist: „Diese riesigen Datenmenge, die stetige Visualisierung – all das braucht natürlich enorme Mengen an Energie. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass bisher nur rund 60 Prozent der Weltbevölkerung einen Zugang zum Internet haben. Wenn das Ziel heißt Internet für alle, müssen wir uns auch mit dieser Frage auseinandersetzen.“