"Landrauschen"- Ein Heimatfilm der etwas anderen Art

Drei Freunde, kaum Budget und ihr Filmprojekt, das deutschlandweit Preise abräumt. Der Erfolgsfilm „Landrauschen“ erzählt satirisch eine fiktive Geschichte in der realen „Mehr-Kühe-als-Einwohner“-Heimat der Crew, Bubenhausen (Stadt Weißenhorn).
Nun zum Plot: Die hübsche Toni, gespielt von Kathi Wolf (unten links), kommt nach Jahren des wilden Großstadtlebens in Berlin aufgrund einer Erbangelegenheit zurück in ihr Heimatdorf Bubenhausen. Unzufrieden mit der Gesamtsituation, was Familie, das Landleben an sich und den neuen Praktikantenjob bei der Zeitung angeht, trifft sie auf die lebensfrohe Rosa, gespielt von Nadine Sauter (unten rechts). Rosa und Toni entwickeln eine explosive Beziehung zueinander, die Toni‘s Landleben erträglicher macht. Um die Identitätsfindung der beiden Hauptdarstellerinnen herum, wird das traditionsbewusste Spießbürgertum in Bubenhausen auf die Probe gestellt. Die urschwäbischen Einwohner werden mit der Flüchtlingssituation, Homosexualität und das Andersdenken ihrer jüngeren Generation („So koansch du vielleicht in Berlin tun, aber do ned bei uns.“) konfrontiert und bangen um ihren Heile-Welt-Status.
Lisa Miller ist Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin von „Landrauschen“. In zweieinhalb Jahren und 34 Drehtagen ruft sie zusammen mit dem gebürtigen Augsburger und Produzenten Johannes Müller sowie Schauspielerin und Kabarettistin Kathi Wolf das Satire-Drama ins Leben. Lisa, Kathi und Johannes spielten schon in der ersten Klasse in Weißenhorn  zusammen Theater. Und auch wenn sie inzwischen über ganz Deutschland verteilt sind, kommen die Drei Anfang 2016 zurück, um ihren Heimatfilm zu verwirklichen.  „Ich wollte schon immer eine Geschichte in einem Dorf drehen. Dann hab ich bei einem Mini-Dreh Kathi und Nadine zusammen spielen sehen, und ja – da war die Story mit den Mädels klar, der Rest wurde nur drum herum gesponnen,“ lächelt Lisa Miller im Interview.
Ein reales Dorf in einer fiktiven Geschichte. Das kommt auch durch das Drehbuchkonzept „Mundart“ zum Ausdruck. Statt ausformulierter Dialoge spielen die Dorfbewohner sich selbst und zwar in ihrer Sprache und ihrem Dialekt. Unter anderem lässt das den bayerisch-schwäbischen Heimatfilm so authentisch wirken. Aber keine Sorge, für alle Nicht-Schwaben gibt es den Film auch mit Untertiteln.
Doch wie stellen drei Freunde aus Bubenhausen ohne staatliche Filmförderung oder Lottogewinn einen Kinofilm auf die Beine? Das Low-Budget Projekt wurde teilweise durch Sponsoren und Crowdfunding finanziert. Fans konnten Merchandise-Artikel, Statistenrollen und VIP-Tage beim Dreh erwerben. So wurde immerhin das notwendige Startkapital für Versicherungen, Reise-, Transport- und Leihkosten für die Technik gestemmt. Zusätzlich spielen und arbeiten alle Beteiligten ohne Gage, sogar professionelle Schauspieler Volkram Zschiesche (Tatort/Kiel,Köln) und Musicaldarsteller wie Rupert Markthaler (Tarzan/ Hamburg) unterstützen das Projekt aus Überzeugung.
„Wir haben den Jungs das Drehbuch gezeigt und sie waren dabei,“ erklärt Lisa freudestrahlend. Die Mütter im Dorf haben für die Crew gekocht, Freunde und Familie räumten ihre Häuser für Drehorte, von Chor bis Kirche steht ganz Bubenhausen hinter dem Projekt. „Anders wäre es gar nicht möglich gewesen. Während der ganzen Produktion gab es keine Zeit für Zweifel. Wenn etwas nicht passte, wurde es passend gemacht.“ Ein Mammutprojekt, das durch viele helfende Hände, dem Zusammenhalt eines ganzen Dorfes und der Leidenschaft drei talentierter Kindheitsfreunde gestemmt wurde.
Fertiggestellt wurde „Landrauschen“ eine Woche vor dem Max-Ophüls-Filmfestival im Januar 2018 in Saarbrücken. Als dann der Anruf kam, dass das Satire-Drama nominiert ist, konnte es die Crew kaum glauben. „Für uns war die Nominierung schon so eine große Ehre, wir sind alle ausgerastet,“ erzählt Johannes. Doch die große Überraschung sollte noch kommen. Zuerst gewann die Crew den Preis der ökumenischen Jury mit der Begründung „Ein dynamischer Rhythmus und viel Humor schaffen ein liebesvolles Kaleidoskop aller nur möglicher Gegensätze“. Die ganze Mannschaft war völlig sprachlos und Lisa improvisierte eine Rede. „Wir hätten niemals mit einem Preis gerechnet, viele tolle Filme mit zwei Millionen Euro Filmbudget waren nominiert,“ lacht Kathi. Kurz darauf bekam Lisa den „Fritz-Raff-Drehbuchpreis“ für das beste Drehbuch und dann, als Krönung des Abends, gewann „Landrauschen“ auch noch den Hauptreis, den „Max-Ophüls-Preis für den besten Spielfilm“. Die Jury bringt es auf den Punkt: „Mit großer Energie und Tiefe, Mut zum Risiko und sehr viel Liebe zu den Figuren führt uns dieser Film in eine Welt, in der wir uns erst einmal genauso zurecht finden müssen wie die Hauptfigur.“ Es herrschte Ausnahmezustand. „Wir sind uns alle in die Arme gesprungen, Jo war fassungslos und Lisa hat das blödeste Gesicht gemacht, dass ich jemals bei ihr gesehen habe,“ lacht die Hauptdarstellerin „Techno-Toni“.
Seit  dem 19. Juni ist „Landrauschen“ deutschlandweit in den Kinos zu sehen. Momentan tourt das Filmtrio durch ganz Deutschland und begleitet die Filmpremieren von „Landrauschen“ mit Fragerunden, Autogrammstunden und Fotos. Die Filmpremiere im Augsburger Thalia war ausverkauft – es mussten zusätzlich Klappstühle aufgestellt werden. Ein urkomischer, authentischer Heimatfilm, bei dem sich die Leidenschaft und die Freude der Macher auf den Kinobesucher überträgt.

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Bilder: Arsenal Verlag