Kolumne: Wieder nix gelernt! - Die Gedanken eines Lehrers: Teil 3 - Mode

Unser Mann an der Tafel - Ein nicht mehr ganz so junger Lehrer beobachtet und denkt nach – über Schüler, Klassen, Lehrer , Schule, sich selbst und alles dazwischen – Seine Insider- und Outsideransichten exklusiv auf A-You!

Neben Musik gibt es da noch einen weiteren vielleicht noch wichtigeren Bestandteil sämtlicher Pop- und Jugendkulturen seit es die Begriffe Pop und Jugend überhaupt gibt. Vielleicht handelt es sich dabei um die wichtigste, weil unmittelbarste und täglich verwendete Ausdrucksform. Das gilt auch für Architektur, aber die wenigsten Schüler stellen sich mal eben eine Baushaus-Villa auf Mamas und Papas Zweitgrundstück, obwohl ich auch dazu was erzählen könnte, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Die Rede ist von Mode, Kleidung, Klamotten, Outfits, Styles im weitesten Sinn. So streng der Lehrer auch sein, so sinnlos und langweilig der Unterricht einem Schüler erscheinen mag, mit seiner Kleidung kann er immer ein Zeichen setzen und das Schulumfeld mit einer Aussage konfrontieren, die es in seinem Sinne oder auch anders deuten mag, aber nur schwer ignorieren kann. Unendlich wichtiger aber dürfte der Eindruck sein, den der gewählte Style auf die anderen Schüler hat. Beeindrucken, nachahmen, ablehnen, anmachen, zusammengehören und abgrenzen. All das ist für Teenager eine Währung und Mode kann sich auf den ersten Blick auszahlen.

Die Vorzeit

Zumindest dachte ich das. Weil es damals so war, als ich selbst noch Schüler war. In den frühen Neunzigern, die gefühlt immer noch irgendwie zu den Achtzigern gehörten, war modisch sowieso prinzipiell alles egal, erst recht auf dem Land, wo Kleidung selten mehr als funktionell war. Irgendwann wurden die rosa-türkisen Skianzüge und die Batikshirts dann aber doch von ersten Trends abgelöst. Sporttrikots waren Konsens, dagegen war nichts einzuwenden, weil sie alle Funktionen von Mode erfüllten, nur dass sie meistens nicht stilvoll waren, aber darauf wären wir nie gekommen. Dann kamen die ersten Baggypants von Gang, ohne dass die meisten auch nur im Ansatz wussten, was Hiphop war. Irgendwann aber war dieser Moment da, auch ganz ohne Internet. Man hörte von Subkulturen wie Hiphop, Punk, Metal oder Reggae und erkannte in ihnen ein Gesamtpaket jugendlicher Selbstfindung: Emotionen, Meinungen, Musik und eben auch Kleidung, fast alles war vorgegeben und so wählten wir unser Outfit, um aller Welt zu zeigen, wer wir waren oder niemals sein wollten.

Alle Jahre wieder

Ich ging davon aus, dass das für Jugendliche auf alle Zeit so funktionieren würde, aber als ich dann Lehrer wurde, musste ich diese Ansicht wie so viele Ansichten überdenken. Ganz am Anfang, als ich noch Praktikant war, sah ich noch letzte Spuren der Subkulturen. In fast jeder Klasse saß der eine oder andere Metaller oder Hiphopper. Mit den Jahren aber kam der große Einheitsbrei,  fast so, als gäbe es doch Schuluniformen in Deutschland. Klar, es gab nach wie vor Trends, daran führte kein Weg vorbei. Emo-Klamotten und Haarschnitte wie bei My Chemical Romance, New Era Caps wie im US-Hiphop oder meinetwegen auch bei Kool Savas und Azad oder der aktuelle minimalistische Streetwear-Look, der irgendwo zwischen Laufsteg und La Haine einzuordnen ist. Ich habe vieles gesehen und zumindest das meiste davon mehr oder weniger verstanden. Und doch gibt es einen großen Unterschied im Vergleich zu damals: Ein Trend führt nicht mehr auf vielen Wegen zu Nachahmern, Gleichgültigen und Ablehnern. Überlebt haben nur die Nachahmer als ewiggleiche Partei des sicheren Wegs. Ein paar Jahre lang sehen alle Schüler mehr oder weniger gleich aus und dann halt anders, aber eben doch wieder gleich. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern und auch im Ausmaß des modischen Bewusstseins, aber mir schwant: Der Trend und der Konsum haben endgültig gewonnen und spätestens wenn das Ganze dann bei H&M angekommen ist, gibt es kein Entrinnen mehr. Ein Narr, wer dann noch wagen würde, den Zorn der Klasse oder Clique auf sich zu ziehen.

Same same but different

Eigentlich müsste diese modische Eintönigkeit ja zumindest dazu führen, dass Schüler wissen, was es mit dem aktuellen Trend auf sich hat und wo zum Beispiel seine kulturellen Ursprünge liegen. Aber wie so vieles in der Schule funktioniert auch das nur eigentlich. Um bei Sneakers als Beispiel zu bleiben: niemand hat jemals von Run DMC und My Adidas gehört und keiner kennt die Geschichte von Ikonen wie den Converse Chucks oder den Nike Air Max. Wahrscheinlich ist das auch zu viel verlangt. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass Mode den Schülern wieder wichtiger wird. Vor kurzem war ich überrascht, dass im Klassenzimmer der Name Gosha Rubchinskiy fiel und über bestimmte Marken hat man schon Bescheid zu wissen. Dass diese Marken zunehmend zur Kategorie Gucci oder Armani gehören, liegt vielleicht nur am Umfeld meiner Schule oder ist das Werk von Shindy, vielleicht ist es aber auch der endgültige Abgesang auf den Inhalt, den Kleidung transportiert und der uns so wichtig war. Plakative Luxusmarken ohne jeden Kontext, das ist die absolute Oberfläche, doch schon David Hockney wusste, dass Oberfläche zwar eine Illusion ist, aber Tiefe eben auch. Und was könnte mehr Pop sein als reine Oberfläche? So bleibt mir auch hier wenig mehr, als mit den Jahren zu gehen, während unerlässlich der Lauf des sich auswechselnden Immergleichen vorbeizieht.

Zum Autor:

Michael Steber ist Lehrer an einem Gymnasium im Umkreis Augsburg und versorgt Euch von jetzt an regelmäßig mit den ungefilterten Gedankengängen eines "Mannes von der anderen Seite." Sein  Twitter-Profil: @SteberMichael